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Kommentar zu

„Bleiben Sie immun!“ (Beda Stadler, in Focus Nr. 21/2011 vom 23.05.2011, S. 78-80)

von Stephan C. Bischoff
Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin, Universität Hohenheim, Stuttgart

Beda Stadler wäre nicht Beda Stadler, wenn er nicht auf erfrischende und pointierte Art und Weise dem interessierten Leser viele biologisch-immunologische Hintergründe zu einem derzeit lebhaft diskutierten Thema wie functional food und health claims nahebringen würde. Unstrittig ist, dass er in viele Punkten den Nerv getroffen hat, beispielsweise wenn er erläutert auf welch merkwürdige Weise sich unser Essverhalten und v.a. die damit verbundene Erwartungshaltung gegenüber Nahrungsmittel in kurzer Zeit verändert hat, wenn er infrage stellt, ob wir überhaupt wissen, was „gesund“ ist oder was „Stärkung des Immunsystems“ auf molekularer Ebene bedeutet. Sicherlich ist auch berechtigt zu hinterfragen, ob eine verstärke Aktivierung des Immunsystems, beispielsweise durch funktionelle Nahrungsmittel, tatsächlich wünschenswert ist oder nicht eher Gefahren für unseren Organismus birgt. Dennoch sind einige Schlüsse, die der Berner Immunologe daraus zieht, genauso irreführend wie die Versprechungen unseriöser Nahrungsmittelhersteller und das ist das Problem: Behauptungen werden mit Behauptungen beantwortet, wodurch eine vermeintlich sachliche Diskussion endgültig verwirrend wird für den interessierten Verbraucher. Deshalb lassen Sie uns zu den Fakten zurückkehren, denen alle, aber insbesondere der Wissenschaftler, verpflichtet sein sollten!

„Dem Immunsystem ist es egal, ob ein Bakterium uns krank macht oder nicht“, schreibt Beda Stadler in seinem Artikel. Stimmt das? Wir tragen viele Milliarden Bakterien in unserem Verdauungssystem, die über lange evolutionäre Zeiträume eine friedliche Koexistenz mit unserem Organismus eingegangen sind und inzwischen durchaus anders von unserem Immunsystem behandelt werden als eine pathogene Salmonelle oder gar eine Listerie. Das Immunsystem kann also durchaus unterscheiden, welche Art von bakterieller Attacke es bedroht und wie es zu reagieren hat. Dieses ausgeklügelte System bei Gesunden durch Medikamente oder functional food zu drosseln oder zu stimulieren, ist tatsächlich kritisch zu betrachten, wenngleich dies bei Kranken ohne grosses Zögern getan wird, wenn beispielsweise Kortison oder Interferon verschrieben wird.

Auf der anderen Seite haben wir gelernt, dass sich unser Immunsystem, und insbesondere das Immunsystem unserer Schleimhäute, nur dann voll funktionsfähig entwickelt und erhält, wenn es regelmäßig stimuliert wird. Das beginnt unmittelbar nach der Geburt, wenn der Darm mit Bakterien besiedelt wird, die für eine normale Entwicklung des  Immunsystems unerlässlich sind. Es gilt wahrscheinlich auch für alle weiteren Lebensphasen, was experimentell nicht eindeutig belegt werden kann, aber naheliegend ist, wenn man bedenkt, dass jegliche Störung der bakteriellen Stimulation durch die Darmflora, beispielsweise durch wiederholten Konsum von Antibiotika, durch ballaststoffarme Nahrung oder durch ausgiebige Bestrahlungen die Funktionsfähigkeit des Immunsystems gefährdet. Wenngleich Beda Stadler Recht hat, wenn er darauf hinweist, dass wir nicht genau wissen, was ein optimales Immunsystem auszeichnet, wie man es durch Labormessungen dokumentiert und wodurch man es am besten optimieren kann, erlauben uns praktische Ansätze durchaus, Rückschlüssen zu ziehen.  Wir können z.B. - statt fragliche Laborwerte zu messen - einfach schauen, ob wir bei Gesunden die Rate von Infektionen reduzieren, die Darmtätigkeit verbessern oder die Erfolgsrate von Impfungen steigern können. Dies sind anerkannte Zielparameter für die Erfassung der Leistungsfähigkeit des Immunsystems, die in kontrollierten klinischen Studien auch bei Gesunden wissenschaftlich untersucht werden können.

Genau das sollte von seriösen Nahrungsmittelherstellern gefordert werden und wird (leider noch von viel zu wenigen) auch getan. Schauen wir im Bereich der Probiotika und der probiotischen Joghurts – übrigens eine Bezeichnung, welche nicht von Nahrungsmittel­herstellern kreiert wurde, sondern von Pionieren der Präventivmedizin wie Prof. Mechnikoff, Prof. Nissle oder Dr. Shirota, die vor bereits 100 Jahren gesundheitsfördernden Keimen auf der Spur waren. Bis vor etwa 20 Jahren wurden solche probiotischen Produkte tatsächlich von der Mehrheit der Mediziner belächelt. Das hat sich grundlegend geändert, nachdem erste klinische Studien bekannt wurden, die nach allen strengen Kriterien der Wissenschaftlichkeit durchgeführt wurden und positive Effekte solcher Probiotika bei Kranken als auch bei Gesunden eindeutig nachgewiesen werden konnten. Als Beispiele aus Deutschland seien die Arbeiten von Prof. Kruis zu entzündlichen Darmerkrankungen und von Prof. Schrezenmair zur Infektionsprophylaxe bei Gesunden erwähnt. Aber auch zur Reduktion funktioneller Darmbeschwerden und zur Verbesserung von Grippeimpferfolgen gibt es eine überzeugende Studienlage. Das sollte der sachliche Wissenschaftler ebenso zur Kenntnis nehmen wie der interessierte Verbraucher. Diese Ergebnisse werden auch nicht infrage gestellt durch die bedauerliche Tatsache, dass wir die molekularen Mechanismen, die diesen positiven Effekten zugrunde liegen, bisher nur ansatzweise verstehen und dass die positiven Effekte nur für ganz bestimmte Bakterienstämme und nicht für Probiotika pauschal nachgewiesen wurden. Dies bedeutet aus Verbrauchersicht, dass wir genau hinschauen müssen, was in seriösen Studien für welches Probiotikum tatsächlich nachgewiesen wurde.

Auch für die Zulassungs- und Health Claim-Behörden bedeutet es, dass differenziert werden muss, für welche probiotischen Produkte tatsächlich eine  Datenlage vorliegt, die positive Effekte belegt. Andererseits sollte bei dieser Bewertung der Maßstab zur Beurteilung der Datenlage angemessen bleiben, d.h. es muss differenziert werden, ob es um ein probiotisches Arzneimittel geht, das ggf. auch bei Schwerkranken eingesetzt wird , oder um ein probiotisches Lebensmittel, das gesundheitspräventive Eigenschaften haben soll. In einem noch immer neuen Feld wie dem der funktionellen Nahrungsmittel erscheint es manchmal, als hätten  die Behörden diese Differenzierungen noch nicht gefunden, denn weder der in der Vergangenheit verbreitete unkontrollierte Wildwuchs zu gesundheitsbezogenen Angaben noch die an Arzneimittelzulassungsverfahren angelehnte Überkontrolle von funktionellen Nahrungsmittel der Gegenwart ist dem Verbraucher dienlich. Möge die Zukunft einen vernünftigen Kompromiss dieser beiden Extreme bringen, der es tatsächlich ermöglicht, zwischen belegten und nicht belegten Claims zu unterscheiden und gleichzeitig funktionelle Nahrungsmittel bezahlbar lässt.

Unbestritten ist, dass wir noch viel mehr Forschung und klinische Studien brauchen, um das komplizierte Feld der funktionellen Nahrungsmittel und insbesondere der Probiotika besser zu verstehen. „Bleiben Sie immun!“, wie Beda Stadler propagiert, heisst dabei aber auch, offen zu bleiben gegenüber neuen Entwicklungen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und zu lernen, sie zu bewerten und adäquat zu reagieren, wie es unser Immunsystem täglich tut. Es heisst nicht, Abwehr zu verstehen als ein sich abschotten gegenüber Botschaften, die entweder hoffnungsvoll klingen oder enttäuschen und deshalb am besten ignoriert werden sollten. Es geht auch nicht darum, durch Probiotika das intakte Immunsystem „anzukurbeln“, wie Beda Stadler sagt, sondern vielmehr darum, es in seiner Funktion zu erhalten, zu unterstützen. Dazu können nach dem, was wir heute wissen, Umweltfaktoren wie Ernährung, Darmflora und Probiotika durchaus beitragen. Wir sollten uns vor diesen neuen, spannenden Welten nicht verschliessen, sondern offen, interessiert und durchaus kritisch hinschauen und lernen, was sie uns bieten können.